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Bereits in jungen Jahren entdeckte der in Takaishi (Bezirk Osaka) geborene Kenichi Sonoda seine Leidenschaft für das Zeichnen. Sein Erstling, die 1986 entstandene Sportgeschichte Wanna Be's, wurde zwar nur mit mäßigem Erfolg auf dem Videomarkt verkauft, doch mit Gall Force, ebenfalls 1986 als OVA produziert, gelang ihm der Durchbruch zum ernstzunehmenden Charakter Designer. Die Anime-Serie Bubblegum Crisis (1987), die ein Welterfolg wurde, brachte Sonoda schließlich den Ruf eines weit über die Grenzen Japans bekannten Star-Künstlers ein.

Auch Sonodas erste professionelle Manga-Produktion, die im Movic Verlag erschienene Geschichte Private Live stellte sich noch nicht als Durchbruch seiner Kariere da.

   Doch mit Gunsmith Cats entstand 1991 eine international überaus erfolgreiche Serie, mit der sich Kenichi Sonoda auch als Manga-Autor und Zeichner profilierte. Diese Arbeit sollte nicht nur sein bisher bekanntestes, sondern auch sein arbeitsintensivstes Werk werden: Während der gesamten 90er Jahre widmete er sich hauptsächlich dieser im Chicago der Gegenwart angesiedelten Crime story um die Kopfgeldjägerinnen Rally Vincent und Minnie May. Der Manga festigte dabei nicht nur seinen Ruf als herausragender Zeichner, sondern zeugte erstmals auch von seinen Qualitäten als Autor und Szenarist.

Daneben übernahm er auch kleinere, wohl eher persönlich motivierte Aufgaben wie das Zeichnen von Dojinshi, so beispielsweise der Samurai Pizza Cats. Auch in der Videospielindustrie betätigte er sich als Designer von Figuren und entwickelte im Rahmen eines Mah-Jong-Videospieles die Figur Idol Janshi Suchi Pie, für welche er auch Artbooks erstellte.
Sonodas bislang letzte Arbeit, der noch nicht abgeschlossene Manga The Cannon God Exaxxion erschien zunächst 1998 in Japan, sehr bald auch in den USA (1999) und in deutscher Übersetzung (2000).


Seine Animes

Kenichi Sonodas Arbeiten im Rahmen von Animeprojekten beschränkten sich in erster Linie auf rein zeichnerische Aspekte bzw. auf solche der visuellen Präsentation der Figuren. Diese Projekte umfassen die Filme Wanna Be's, Gall Force, Bubblegum Crisis, Otaku No Video in denen er als Character Designer mitwirkte.
Wanna Be's, Sonodas Debüt-Anime, war eine Produktion der ARTMIC Studios und basierte auf einer Manga-Vorlage von Toshimitsu Suzuki. Es handelte sich um eine Geschichte über ein in Japan populäres Sportgenre, ergänzt durch Fantasy- und Horrorelemente. In einem Professional-Wrestling-Turnier kommen Miki und Eri, die gemeinsam das Team Wanna Be's bilden, zu dem Schluss, dass sie nur durch ein besonderes Training gegen die ebenso harte wie hinterhältige Konkurrenz bestehen können. Durch ein Wundermittel erhalten sie zwar übermenschliche Kräfte, stellen aber bald fest, dass sie nur als Versuchsobjekte einer skrupellosen Firma dienen.
Trotz des mäßigen Erfolges von Wanna Be's verhalf ihm diese Arbeit zum Einstieg in das Anime-Business. Bezeichnend ist im übrigen, dass die Kritiker an Wanna Be's lediglich das von Sonoda verantwortete Charakter Design lobend hervorhoben.

Zu Sonodas erstem Achtungserfolg wurde Gall Force, der erste abendfüllende Film von ARTMIC. Die Geschichte stellt eine Art mythe Genesis-Erzählung dar und spielt in einer fiktiven Vergangenheit, in der vor Jahrmillionen biomechanische Wesen, sog. "Paradroids" und "Solnoids", ein nur aus Frauen bestehendes Volk, gegeneinander Krieg führen. Ein verirrtes Solnoid-Raumschiff, die Star Leaf, kommt dabei von seinem Kurs auf den neu entdeckten Planeten "Chaos" ab und hat während seiner Odyssee opferreiche Kämpfe gegen außerirdische Monster und die Paradroids zu überstehen.
Inspiriert ist Gall Force von Science-Fiction-Filmen wie Star Wars oder Alien, von denen diverse Handlungs- und Design-Elemente übernommen wurden. So erinnert die düstere Atmosphäre des Geschehens an jene in Alien. Ein entscheidender Unterschied zu dem Horrorfilm stellt jedoch eine humoristische Komponente dar, welche die bedrohliche Stimmung deutlich entspannt. Mit dieser seiner zweiten Arbeit als Charakter Designer beweist Sonoda erstmals sein Geschick bei der Ausarbeitung von futuristischen Requisiten, vor allem Kampfmaschinen und Waffen. In späteren Episoden, an denen Sonoda nicht mehr mitwirkte, wird sein Stil unverändert fortgesetzt.

   Ein Jahr nach Gall Force erschien Sonodas bislang erfolgreichster Anime Bubblegum Crisis. Das gelungene Zusammenwirken einer düsteren Science-Fiction-Geschichte mit einem markanten Soundtrack (der sich in der Folge als solcher auch millionenfach verkaufen sollte) und dem Figurendesign Kenichi Sonodas brachte internationale Reputation. Die Story, angesiedelt im Jahr 2032, berichtet vom Wiederaufbau Tokios nach einem verheerenden Erdbeben mit Hilfe des multinationalen Konzerns Genom. Im neuentstandenen "Mega-Tokio" besitzt Genom Einfluss auf allen Ebenen der Gesellschaft und dominiert als mächtigster Konzern die Weltwirtschaft. Um die Vorherrschaft gegen andere Konkurrenten zu sichern, setzt Genom die "Boomer", biomechanische Arbeits- und Kampfroboter, ein. Da die offizielle Ordnungsmacht, "A.D. Police" genannt, mit diesen kriegsähnlichen Konflikten völlig überfordert ist, kann sie die Sicherheit der Menschen nicht mehr gewährleisten. Deren letzte Hoffnung sind daher die "Knight Sabers", vier Heldinnen, die mit Hilfe ihrer Hightech Rüstungen ("Hardsuits") in den Kampf ziehen.


1989 veröffentlichte das Studio Youmex Sonodas erstes komplett selbst entworfenes Werk, Riding Bean - eine Anime-Produktion, deren Figuren, Schauplätze und Stoffe bereits auf die Manga-Serie Gunsmith Cats verweisen. Das Chicago der Gegenwart und die Protagonisten Bean Bandit sowie Rally Vincent. Beide erledigen gemeinsam ihren Job als Fahrer brisanter, in der Regel illegaler, Transporte. Als das Team im Verlauf eines seiner Aufträge in die Entführung einer Millionärstochter verwickelt wird, müssen Rally und Bean um der eigenen reinen Weste willen nicht nur das Mädchen retten, sondern auch die wahren Täter, überführen.
Neben der Anime-Version von Gunsmith Cats war Otaku No Video, erschienen 1991 im Studio Gainax, das einzige Filmprojekt Sonodas in den 90er Jahren. Ein gelungener mix aus Realfilm und Anime. Die Realfilmpassagen bieten Interviews, die die jeweiligen persönlichen Erfahrungen und Leidenschaften verschiedenster Otakus dokumentieren, während die von Sonoda mitgestalteten Anime-Sequenzen die fantastische Geschichte eines Otaku namens Kubo erzählen, beginnend mit dem Jahr 1982. Der Protagonist, ein Student, lernt durch seine Freunde die Welt der Otakus kennen und wird allmählich selbst ein Teil ihrer Gesellschaft.

Diese vorläufig letzte Anime-Arbeit Kenichi Sonodas besticht weniger durch spektakuläre Requisiten oder atemberaubende Kampfszenen. Den Schwerpunkt verlagerte der Autor in diesem Projekt auf eine detaillierte Präsentation der Figuren, die, im Gegensatz zu früheren Werken, das Publikum ohne Zuhilfenahme spektakulärer Mechas oder wilder Verfolgungsjagden zu beeindrucken wissen - ein Versuch, der als durchaus geglückt bezeichnet werden kann, denn nicht von ungefähr hat die Kritik Otaku No Video als Kultwerk gefeiert, mit welchem die Anime-Industrie ihrer Anhängerschaft ein, nicht ganz ernst zu nehmendes, Denkmal gesetzt habe.


Seine Mangas

Sonodas Manga geben ein umfassenderes Bild seines Könnens wieder als es bei den Animationsfilmen der Fall ist. Riding Bean ausgenommen, sind seine Arbeiten im Rahmen der Anime-Projekte lediglich graphische Realisationen von Objekten, die von anderen konzipiert und kontrolliert wurden. Zusammen mit Riding Bean bezeichnet Sonoda selbst die Eigenschöpfungen Gunsmith Cats und The Cannon God Exaxxion als diejenigen Werke, die unter all seinen bisherigen Projekten den höchsten persönlichen Stellenwert besitzen. Dies zeigt sich auch daran, dass der Autor hier seine persönlichen Vorlieben für bestimmte Gegenstände und Motive ausgiebig zur Schau stellt. Dem Vernehmen nach von Kindheit an ein Waffennarr, sammelt er seit Jahren Pistolen und kleinkalibrige Modell/-Feuerwaffen. Da ihm die , restriktive japanischen Gesetzgebung nur Replikate und Luftpistolen zugestand, konnte er sich erst 1991 im Rahmen eines USA-Aufenthalts mit den Originalen vertraut machen.

   Nicht zufällig zählen mit höchster Präzision gezeichnete Handfeuerwaffen zu den wichtigsten Utensilien seiner Handlungsträger: So ist etwa die Protagonistin Eileen "Rally" Vincent geradezu undenkbar ohne ihre CZ-75. Die Pistole ist hier ein Fetisch, ein geradezu erotisch besetztes Objekt und nicht bloß ein Werkzeug für ihren Beruf. Die außerordentliche Wertschätzung der Waffe zeigt sich ebenso in der Verzweiflung bei einem Verlust wie auch in schrankenloser Euphorie bei der Wiedergewinnung. Die Bindung zur Pistole gleicht derjenigen zu einem Liebhaber und sie geht bis zur körperlichen Erregung bei der Anwendung - ein Umstand der ebenso für Minnie May Hopkins, die zweite Protagonistin, und ihre Liebe zu Sprengstoffen aller Art gilt.

Obwohl er angeblich nicht einmal einen Führerschein besitzt, gilt eine weitere Vorliebe Sonodas, die prägend in Gunsmith Cats einfließt, dem Automobil. Ebenso wie die Waffen sind sie auffällig detailliert gezeichnet. Allerdings ist ihre Stellenwert im Leben der Figuren doch geringer einzuschätzen, als der jenige der Waffen, denn ausgenommen Rallys Shelby Cobra GT 500 ist der Grad an emotionaler Bindung an und Besessenheit von der Maschine weniger ausgeprägt. Doch legen die Figuren sehr häufig Wert auf den richtigen Wagen und die äußerst dynamisch und realitätsnah inszenierten Verfolgungsszenen zählen zu den Spannungshöhepunkten nicht nur dieses Mangas, sondern seiner Werke generell.

Nach den eher realistischen Gunsmith Cats wollte Sonoda offenbar nach vielen Jahren wieder zu den Wurzeln seines Ruhmes zurück, zur Science-Fiction. So entstand 1998 The Cannon God Exaxxion. Die Handlung, die in einer nicht all zu fernen Zukunft auf der Erde spielt, geht von einer spektakulären Begegnung aus: Die Menschen haben einen Nachbarn im Weltall entdeckt, die technisch hochentwickelten Faldianer und diese versorgen die Menschheit mit Produkten ihrer überlegenen Technologie. Dieser Umstand erweist sich jedoch alsbald als eine Falle: Die Faldianer erklären die von ihrer Technologie abhängig gewordene Erde zu ihrer Kolonie und versklaven die Menschheit. Nur der bereits frühzeitig von der Bedrohung durch die vermeintlichen Freunde überzeugte Sechzehnjährige Hoichi Kano und dessen Grossvater, haben die Mittel, um sich der Invasion entgegenzustemmen.
Von seinem genialen Großvater mit einem vielseitigen Kampfanzug sowie höchst wandlungsfähigen Roboter-Gehilfinnen und einem Super-Mech ausgerüstet, führt Hoichi einen opferreichen Krieg gegen die Invasoren.


Exaxxion akzentuiert ein weiteres Mal diejenigen Topoi, die für Sonodas Geschichten schon immer typisch waren, doch in weniger zurückhaltende Weise als zuvor: Waffen, hypertrophe Kampfmaschinen, Sex und Action.
Seine Vorliebe für Waffen drückt sich diesmal nicht nur in den großen Kalibern der Kanonen aus. So tragen selbst die Namen der Helferinnen Hoichis allesamt Namen bekannter Waffentypen und -firmen aus aller Welt. Mehr noch als in den Vorläufern wie Gunsmith Cats geraten die Frauengestalten neben ihrer Rolle als Handlungsträger zu exhibitionistisch Lustobjekten. Vergleichbare Steigerungen erfährt die Inszenierung von Gewalt. Während bei Gunsmith Cats bisweilen einzelne Körperteile zerschossen werden, scheut Sonoda in Exaxxion nicht die detaillierte Darstellung brutalerer Hinrichtungen oder gar getöteter Kinder.
  

Nach der Beendigung von Exaxxion, meldete sich Sonoda 2004 mit seinem Erfolgsprodukt schlecht hin wieder zurück.
Unter dem Titel Gunsmith Cats Burst kehrten Rally Vincent und Minnie May Hopkins wieder zurück auf das Papier, mit neuen Fällen und grafisch überarbeiteten Charakteren. Ob die neue Optik bei den Fans jedoch ankommt, wird sich allerdings erst noch zeigen müssen.
Mit einem Deutschland release ist hingegen nicht vor 2007 zu rechen.


Insgesamt gesehen darf man feststellen, dass Kenichi Sonoda auf bewährte Muster setzt und nur ungern neue Wege einzuschlagen bereit ist - eine Tatsache, die der Autor selbst bereitwillig anerkennt. Weder die Stories noch die Grafik zeigen eine große Bereitschaft zur Innovation und haben sich mehr als ein Jahrzehnt lang nur gering geändert, was jedoch nur wenige seiner Fans, welche an seinem Stil gefallen gefunden haben, stört.
Den hervorstechendsten Zug seiner Arbeiten machen jedoch immer noch die äußerst präzisen und detailreichen Darstellungen von Waffen und Maschinen aus - ein Merkmal, das Sonoda als einen handwerklich routinierten, an realistischem Material interessierten Zeichner ausweist.
Sonoda legt in der Darstellung seiner Geschichten großen Wert auf eine dynamische Inszenierung der Handlung. Dabei orientiert er sich nicht nur in kameratechnischer Hinsicht, d.h. mit Aspekten wie Blickwinkel und Bildfolge an den zeitgenössischen US-amerikanischen Action-Filmen; auch die Dramaturgie seiner Episoden erinnert teilweise an das einschlägige Hollywood-Kino. Dies spiegelt sich im Verzicht auf lange Einleitungen bzw. Erörterungen von Charakteren und Motiven wieder. Getreu dem filmischen Vorbild bietet er dem Leser stattdessen zwischen den Action-Sequenzen eingeschobene knappe Informationen, die keinen Tempoverlust des Erzählablaufs mit sich bringen.
Diese Erzähltechnik kommt den Fähigkeiten und Neigungen Sonodas in zweifacher Hinsicht entgegen. Da er im Laufe der Entstehung einer Geschichte den kreativen Schwerpunkt in der ersten Schaffensphase auf die Actionsequenzen legt, hat er die Möglichkeit, diese durch wenig aufwendige Story-Elemente miteinander zu verknüpfen und einen Spannungsbogen aufzubauen. Der zweite Vorteil besteht darin, dass er seine Charaktere als in ihren Eigenschaften unveränderbare, ‚Stehende Figuren' anlegen kann - ein Umstand, der für den Autor auch insofern von größtem Vorteil ist, da er freimütig bekennt, sich kaum in die Psyche seiner zahlreichen weiblichen Figuren einfühlen zu können.

Sinan Kement/Ken Hopkins